Uwe Topper, Berlin

Rezension zu Zeitensprünge 4/2001



Das letzte Heft des Jahres ist aufgefüllt mit dem Abdruck alter Texte (Stefan Zweig, Ethelbert Stauffer) und durch Wiederholungen bis zum Überdruss aufgeblähter neuer Texte (Jan Beaufort, H.–U.Niemitz), aber auch mit fachgerechten Arbeiten (Gunnar Heinsohn, Klaus Weissgerber, Andreas Birken) versehen und darum immer noch lesenswert. Moralische (ethische?) Überlegungen (Robert Zuberbühler) und die Kinderecke (Angelika Müller) erwecken das Gefühl einer familiären Gemeinschaft, was zu den winterlichen Festtagen (auch wenn das Heft erst danach erschien) anheimelnd wirkt.
Wenn auch zahlreiche Bekannte des Rezensenten, einst mutige Vorkämpfer der Zeitsprung–These, in den letzten Jahren auf ein Abonnement verzichtet haben (und das nicht wegen der allgemein um sich greifenden Verarmung, sondern aus Zeitersparnis), nehme ich es mir heraus, wiederum die wichtigsten Artikel zu besprechen, ohne die Texte im Einzelnen zu wiederholen. Wer Zeitensprünge nicht liest, wird also kaum Erhebendes hier finden.


Gleich zweimal kommt Andreas Birken mit Besprechungen häufig diskutierter Probleme zu Wort und setzt damit seine Artikel in den vergangenen Nummern fort: Die Große Assyrische Sonnenfinsternis (S. 556–566) und Manetho bzw. Richard Lepsius (S. 567–585) stehen diesmal auf dem Prüfstand.
Das Ergebnis dieser sehr eingehenden Untersuchung über die Bewertung von Sonnenfinsternissen für antike Datierungen kann sich sehen lassen: Ganz gleich, ob man Illig folgt und nur glatte 297 Jahre herausschneidet, oder noch zusätzlich mit Heinsohn die dunklen Jahrhunderte des Hellenismus um 280 Jahre verkürzt, oder sogar beides zusammenzählt und dann die alten Daten um fast 600 Jahre später legt (nicht früher, wie Birken S. 557 irrtümlich schreibt, ein Lapsus) – es finden sich immer rückberechenbare Sonnenfinsternisse, die zu den ungenauen Beschreibungen der antiken Schriftsteller passen. Denn solche gibt es alle zehn Jahre spätestens, und das liegt innerhalb der tolerierten Bandbreite für alte Daten.
Es ist nicht so, dass man durch die rückberechenbaren Sonnenfinsternisse irgendein Ereignis der Antike chronologisch festmachen könnte. Wann Thales gelebt hat, weiß niemand. Die von ihm vorausgesagte Sonnenfinsternis gibt ihm nur scheinbar einen zeitlichen Ort, denn es könnte ja irgendeine solche Finsternis sein. Dumm ist nur, dass nach Birkens (und praktisch aller heutigen Wissenschaftler) Meinung die Vorausberechnung echter Verfinsterungen in der Antike gar nicht möglich war. Und damit ist die Aussage über Thales als modernes Märchen entlarvt.


In „Richard Lepsius und die Inthronisierung Manethos“ (S. 567–585) beschäftigt sich Andreas Birken noch einmal mit Manethon. Ihn bewegt, wie es zu der Annahme kommen konnte, dass Manethons Pharaonenliste chronologisch brauchbar sei. Dabei stößt er auf den großen Ägyptologen Richard Lepsius als den Urheber dieses Unsinns. Um die Mitte des 19. Jh. trat er für Manethon gegen Herodots (und Diodors) Zeugnis ein und stellte damit die Weichen für mehrere Jahrtausende alter Geschichte: Die Pyramiden waren nun nicht mehr in der Eisenzeit und nicht so fernen Vergangenheit vor Herodot geschaffen, sondern in einem unvorstellbar fernen 4. Jahrtausend. Daran hängen dann datenmäßig (bis heute) auch die babylonische und die hebräische Geschichte.
Birken erkennt auch (S. 573) den Zirkelschluß, den Lepsius anwandte, um sein Ziel zu erreichen: Er verlegte den Kalenderbeginn in eine sagenhafte 4. Dynastie vor 5000 Jahren, indem er deren Zeugnisse entsprechend las, und bewies damit, dass Manethos Chronologie richtig war, die ihm gerade erst das hohe Alter der 4. („manethonischen“) Dynastie beschert hatte. Dabei beruft er sich einzig auf den Sothis–Zyklos von 1460 Jahren, dessen Unbrauchbarkeit heute erkannt ist (siehe auch Birken im vorigen Heft).
Lepsius sah zwar, dass sich Herodot (und auch Diodor) an den Inschriften der ägyptischen Bauten (und zwar „fast ausschließlich Memphitischer Monumente“) orientiert hatte, diese aber wegen mangelnder Sprachkenntnisse mißverstand, woraus sich die von Niebuhr und allen früheren vertretene irrige chronologische Vorstellung über das alte Ägypten erklärt. Diesen setzt Lepsius nun die „fast verschollene, ärmlich ausgestattete, durch Auszüge und Verfälschungen verunstaltete“ Liste des Manetho entgegen, die er allerdings an einer Stelle noch verändern muss, damit sie sich für sein Schema eignet. Diese Stelle betrifft ausgerechnet die Pyramidenbauer.
Der nur in der eusebischen Chronik des Christen Synkellos („8. Jh.“) erhaltene Manetho wirkt aber durch die dortigen Zusammenstellungen und Bezüge auf hebräische Chronologieschemata inakzeptabel. Wann er wirklich erdacht wurde, ist unwichtig. Kenntnisse der ägyptischen Denkmäler mögen darin verarbeitet sein, aber die ganze Struktur ist humanistisch. Das sollte Lepsius nicht gemerkt haben?
Birken findet übrigens, dass der vermeintliche Fehler Herodots, nämlich allein von Memphis her die Pharaonenliste aufzubauen, gerade seine Stärke sein könnte: Die andere im Nildelta aufgezeichnete Königsliste müsste dann parallel (nicht anschließend) zu der memphistischen stehen, womit die unsinnig großen Zeiräume vermieden wären. Damit schließt Birken an Velikovsky, Heinsohn usw. an, ohne dies hier weiter auszuführen. Birkens Schlußsatz zeigt, wie absurd die offiziellen Chronologen heute noch vorgehen: „Dieses auf Manetho gegründete Gebäude steht auch heute noch, obwohl die Ägyptologen überzeugt sind, das Fundament Manetho inzwischen eliminiert zu haben.“


Jan Beaufort: „Die Fälschung des Almagest I. Versuch einer Ehrenrettung des Claudius Ptolemäus“ (S. 590–615).
Der Artikel ist wegen Überlänge in zwei Teile geteilt, man wird also vor einer gültigen Beurteilung auf den zweiten Part warten müssen. Aufhorchen lassen schon die einleitenden Sätze, die aufbauend auf den Arabisten Paul Kunitzsch (1974; 1975; 1991) darauf abzielen, dass der Almagest „in astronomischen Fragen unbrauchbar“ ist. Illigs 300–Jahressprung könnte zur besten Erklärung werden, während die traditionelle Geschichtsschau wie auch Fomenkos Hyperkritik an den Rand gedrängt würden, meint Beaufort.
Tatsache ist für ihn jedenfalls (in Auswertung der besten Literatur zum Thema), dass zwar Übersetzungen des Almagest für das 9. Jh. erwähnt werden, Zitate daraus aber doch verwirrend wirken, und dass weder syrische noch persische noch arabische Übersetzungen erhalten sind. Die ältesten griechischen Handschriften sollen aus dem 9. Jh. stammen (Heiberg 1898).
Nach der Form der Handschrift datiert Kunitzsch das einzige erhaltene Ms. der arabischen Übersetzung von Al–Haggag ins 11. Jh., außerdem gibt es eine vollständige Handschrift und sieben Bruchstücke einer anderen arabischen Übersetzung, „Ishaq“, aus derselben Zeit. Der Sternkatalog darin ist allerdings mit dem des al–Haggag fast identisch, so dass wir hier am Ende auf eine einzige Übersetzung zurückfallen, zumal die von den Autoren des 9. Jh. zitierte (verlorene) Fassung von demselben Chalifen al–Ma'mun veranlasst worden sei. Erkennbar sei auch, dass die verschiedenen arabischen Fassungen immer besser werden, je jünger sie sind. Sie müssten also immer wieder durch Vergleich mit den griechischen Originalhandschriften verfeinert worden sein.
Beaufort wiederholt sich in seinen Aussagen und Zitaten leider mehrfach, was nicht nur das Lesen und Mitdenken erschwert, sondern auch den Verdacht aufkommen lässt, dass er sich bei der Abfassung seines Artikels noch nicht über die Aussage im Klaren war. In seinen willkürlichen Entwürfen zur Fälschungsaktion des Konstantin VII (ab S. 601) schafft er sich dann einen Roman, dessen Lektüre den Zeitaufwand nicht mehr wert ist.
Darum kommt es mir sinnvoller vor, statt einer minutiösen Abgleichung rückberechneter (aber falscher) Sternpositionen den geistesgeschichtlichen Hintergrund des Almagest zu untersuchen. Dabei taucht ein ideologisches Problem auf: Der uns vorliegende Ptolemäus–Text bemüht sich, die Erde in den Mittelpunkt des Weltalls zu stellen, entgegen allen Erkenntnissen der Griechen. Diese bewußte Abkehr von astronomischer Naturbeobachtung und ersatzweise Erarbeitung eines mathematisch höchst komplizierten Systems zum Beweis der zentralen Stellung der Erde kann nur christliche Hintergründe haben, sie muss vor dem Grunddogma der Kirche gesehen werden, dass das Heilsgeschehen von Golgatha ein für die gesamte Schöpfung einmaliger und unumkehrbarer Vorgang war. Das würde den Almagest in die Zeit des Humanismus versetzen, wie Georg Blattmann auf einem Symposium des Collegium Humanum zur Chronologiekritik vortrug.


Angelika Müller: „Pentagramm im Jahreskreis? Bemerkungen zu Venus– und Marienfesten“
(S. 616–630)
Was hier auf 15 Seiten abgehandelt wird, hätte auch in wenigen Sätzen gesagt werden können, wodurch die blinden Vermutungen und zahlreichen Fehler vermieden worden wären. Müller wollte eigentlich nur zeigen, dass der rechnerische Ansatz von Martin Knapp (1934) falsch war (S. 626: „Knapps Konzept konnte einfach nicht aufgehen.“), obgleich dessen Grundannahme mit den späteren velikovskischen Überlegungen übereinstimmt und daher ins Konzept der Zeitensprünge passt.
Es stimmt aber nicht, dass „ein vor zehn und mehr Jahren bereits erarbeitetes und veröffentlichtes (!) Wissen – z.B. zum Pentagramm und zum Venuskalender (ebenfalls bei Blöss) – heutzutage schon wieder neu ‚erinnert' werden muss ...“: Christoph Marx, der Gründer und heute noch aktivste Streiter der „Rekonstrukteure“, bombardiert uns alle Tage mit dem Venus–Pentagramm, wobei die grundsätzlichen Begriffe des Müllerschen Aufsatzes ohne vernebelnde Unwissenheit stets aufs Neue herausgestellt werden.
Es wäre auch gut gewesen, wenn sich Müller und Illig (dessen lektorierende Hand auch hier wieder spürbar ist) an die zahlreichen Gespräche und Diskussionen erinnert hätten, in denen zumindest über die wichtigen Kalenderdaten Klarheit geschaffen worden war.
(S. 620): „Die Römer pflegten jedes fünfte Jahr am 1. Februar ... ein Fackelfest zu feiern“ (ohne echte Quellenangabe, ich nehme an, es stammt aus den Fasten des Ovid). „Den Abstand von 5 Jahren kann ich nicht erklären“, schreibt Müller dazu. Wenn ein Fest jedes fünfte Jahr stattfindet, beträgt der Abstand vier Jahre, und dann handelt es sich um den Schaltrhythmus oder den halbierten achtjährigen Zyklus (Olympiade). Wo liegt das Problem? Vielleicht in der deutschen Sprache?
Im nächsten Absatz wird vom Renaissance–Ausdruck Lustrum (für fünf Jahre) auf das 50–Jahresfest der Kirche, das Jubeljahr der Juden, geschlossen, was völlig daneben ist, weil es sich nicht um 50 Jahre, sondern um sieben mal sieben gleich 49 Jahre handelt, das 50. Jahr ist das Jubeljahr. Die Spekulationen dazu erübrigen sich.
(S. 621): Idris Shah hier zu zitieren, ist bei dessen seltsamer Verwirrung unzumutbar. Da gibt es den „'mächtigen Stamm der berberischen Anis' (von Ans = Ziege) ... die ihre Heimat am Persischen Golf haben. Laut Shah war dieser Stamm in nachchristlicher Zeit (? A.M.) über Nordafrika bis Schottland verbreitet. Noch in keinem Geschichtsbuch habe ich sie gefunden, und Shah nennt – gewohnheitsgemäß – keine Quellen. Die Erkenntnis und die Identität liegt also vorerst für die Wissenschaft im Dunkel. ... ob es da wirklich Zusammenhänge gibt, bedarf noch der Aufklärung.“
Dies ist keine Parodie, sondern tatsächlicher Text in den Zeitensprüngen. Für Leser, die zwischen Persischem Golf und nordafrikanischer Berberei oder Schottland hin– und herpendeln, empfehle ich einen Taschenatlas; der Autorin jedoch, die schon im übernächsten Absatz Dionysos erwähnt, wäre vorzuschlagen, dass A–Nisa die altbekannte Kultstätte des Dionysos ist, der dort beim Fest in Gestalt eines Ziegenbocks zerrissen wird.
Allerdings hapert es noch an viel elementarerem Wissen: Da ist der „6. Januar (Epiphanias = Erscheinen und Taufe Christi), also knappe 15 Tage nach der WSW ... ein alter Dionysos–Festtag“, aber bisher nicht Jesu Taufe (die wird nie gefeiert) sondern seine Beschneidung; und eigentlich liegt sie nicht 15 Tage nach Weihnachten, sondern die berühmten zwölf („wilden“) Nächte danach. Die „knapp 15 Tage“ kommen auf ganz andere Weise hinein, und obgleich das in unserem Kreis unermüdlich jahrelang besprochen wurde, der Autorin noch immer nicht erinnerlich: Es handelt sich um den Unterschied zwischen julianischem und gregorianischem Kalender, der eben heute (noch) 14 Tage beträgt. „Wieso im Dionysos–Kult 15 Tage zwischen WSW und Feier des Lichts verstreichen, ist mir unerfindlich.“ Weil – verehrte Kollegin – der julianische Kalender wegen der berühmten Verschiebung durch Gregor („XIII“) dem modernen Kalender inzwischen um 14 Tage hinterherhinkt.
Was die 40 Tage anbetrifft: Dieser Reinigungsabstand ist uralt und fast weltweit. Er gilt für Gebärende wie für Verstorbene. Ich schlage vor, dass hier die beiden heiligen Zahlen der Venus, fünf mal acht = vierzig, sinnlegend untergeschoben werden können, wenngleich der ursprüngliche Grund sicher organischer Natur ist. Kalendermäßig leitet er sich aus zwei „alten Monaten“ her, die zwanzig Tage hatten.
(S.622): Auch die drei Tage zwischen 21.12. (wahre WSW) und 25. 12. („Christi Geburt“) bleiben der Autorin ein Geheimnis. Sie möchte Maria drei Tage lang kreißen lassen, bis am 4. endlich die Geburt gefeiert werden konnte. Eine schwere Geburt! Und wie machen wir es dann mit dem Tag der Enthauptung des Täufers (24. Juni statt SSW, 21.6.). Ob er sich so lange in seinem Blut wälzte? Oder ob da nicht, wie Illig ganz vorsichtig – neben seinem anderen Erklärungsvorschlag – einwirft, einfach die Verschiebung zwischen dem traditionellen Datum ohne Gregors Schalttagsregel (julianischer Kalender) und dem neuen gregorianischen Kalender seit dessen Einführung (1582) wirksam ist? Seitdem klaffen die beiden Kalender um weitere drei Tage auseinander, eben diese drei Tage (den 29. Februar 1700, 1800 und 1900 gab es im neuen Kalender nicht mehr). Dasselbe Problem hat Müller auf S. 623 und S. 625 nochmals.
(S. 627): Zwischen 15. August und 8. September vergehen nicht 30 Tage, sondern nur 24 Tage. Das bedarf der Erklärung, und die wurde gegeben (Topper 1977, Kap. 7 und 20, und speziell in diesem Zusammenhang 1996): Es handelt sich um Festtage der Sonne, nicht der Venus, da sie andernfalls im 8 Jahresrhythmus durch das Jahr laufen müssten. Fixierte Jahresfeste (also anders als Fastnacht, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam sowie Erntedankfest, Buß– und Bettag und Totensonntag mit Advent, die fast alle mit Jesus zusammenhängen), gehören großenteils der Maria an, und die ist m. E. eine Sonnengestalt, nicht Venus. Darum geht dieser ganze wohlgemeinte Versuch, die velikovskische Theorie zu untermauern, ins Leere. Am Schluss bleiben die „Kelten“ übrig, wenngleich auch Müller nicht weiß, wer das eigentlich gewesen sein soll.
Topper, Uwe (1977): Das Erbe der Giganten (Olten/1978 Bergisch Gladbach)
  1. Topper, Uwe, (1996): Bauernregeln und Weltraumforschung - oder: Warum sagen wir Meteorologie? (Erstmals gedruckt in EFODON Synesis, Nr. 17, Sept./Okt. 1996, versehentlich ohne Fußnoten). +


Gunnar Heinsohn, „Karl der Einfältige (898/911–923)“ (S. 631–661).
Dieser Artikel zeichnet sich durch Überlänge aus, der einführende Vorspann nimmt allein schon zwei Seiten ein, wiederholt aber nur, was seit einem Jahrzehnt pausenlos in dieser Zeitschrift gesagt wird.
Es gibt eine Möglichkeit, die ausführliche Darstellung des wortgewandten Autors zu würdigen: indem man einmal so tut, als wäre Illigs These richtig. Also: als wäre es richtig, dass man aus der Geschichtsschreibung nur die Jahre zwischen 614 und 911 herauszuschneiden braucht, wenn man eine korrekte Zeittafel bekommen will. Heinsohn verschiebt wieder einmal eine Menge illustrer Sagengestalten, er teilt gar einen Karl in zwei Hälften, nämlich Karl den Einfachen, der nun doch doppelt wird: zur Hälfte als Nachfolger des Majordomus Pippin vor dem 614–Grenzjahr, und zur anderen Hälfte als der „echte“ Kaiser Karl nach 911. Damit, so betont er immer wieder, handelt er sich reale Geschichte ein und kann – das ist sein Hauptanliegen in diesem Artikel – Münzen und Siegel gerecht an den Mann bringen.
Dieser krampfhafte Versuch, mit den Akademikern und Münzfachleuten im Diskurs zu bleiben, indem ihnen eine 300 jährige Realzeit zwischen 600 und 1200 gelassen wird (S. 645), wirkt wieder einmal peinlich, gehört aber zum universitären Spiel und bleibt sicher nicht ohne Echo.
Sein Fazit ist entsprechend höflich an dieselbe Adresse gerichtet: „Es muss kaum betont werden, dass all diese Befunde und Schlussfolgerungen schwerlich dazu taugen, Illigs These von 300 frühmittelalterlichen Phantomjahren zu erschüttern.“
Leider hat Heinsohn seinen von ihm sonst sehr beachteten Paul C. Martin (ZS 1/2000, S. 88–112), den er zweimal zitiert und dessen Argumente er als „sehr plausibel“ bezeichnet und noch „überlegen“ will (S. 645), nicht aufmerksam gelesen. Dieser hervorragende Münzkenner hat nämlich mit scharfen Schlüssen herausgefunden, dass die Siegel mit Karolus–Monogramm gar keinen Kaisernamen bezeugen, sondern den Franken in Byzanz erst in der Kreuzfahrerzeit, also gute 200 Jahre nach dem einfachen Karl, bekannt geworden sein dürften, wie auch die karolingische Praxis, mit Wachs zu siegeln, in der Zeit der späteren Kreuzzüge von Byzanz nach Westeuropa gekommen sein müsste, und mithin „die Ausfertigung der karolingischen ‚Urkunden' ins ca. 12. Jh. zu datieren ist.“ (S.111, eben jene von Heinsohn zitierte Seite). Heinsohns Rückfall ins 10. Jahrhundert ist daher unverzeihlich.
Wobei selbst 12. Jh. noch etwas früh ist, Martin selbst bevorzugt das 12/13. Jh. und führt das auch mit Belegen aus.
Rückfälle hinter die einmal etablierten Ergebnisse der Mitarbeiter dieser Zeitschrift sind gar nicht so selten. Es scheint mir, dass das an den strengen Vorgaben liegt, die um jeden Preis eingehalten werden müssen: Keine Katastrophen, keine Angriffe auf kirchliche Grundsätze, einzig und allein 297 Jahre im Mittelalter sind zu streichen. Diese Engstirnigkeit ist es, die leider die hellhörig gewordenen jüngeren Studenten und Amateure abschreckt. Der Vorwurf der Sektiererei scheint doch einen Hintergrund zu haben.


Klaus Weissgerber: Zur frührussischen (Kiewer) Phantomzeit I (S. 662–690)
Da ich in diesem Artikel, der wieder einmal profundes Wissen und großen Fleiß erkennen lässt, mehrfach zitiert werde (S. 669, 673, 677), stellenweise sogar wörtlich, aber von einer Antwort auf diese ‚Widerlegungen' ausgeschlossen bin, bleibt mir nur der Hinweis, dass Weissgerber mich trotz sorgfältigen Lesens meiner Bücher und anregenden Briefwechsels falsch interpretiert.
Etwas relativieren möchte ich die sehr verbreitete Meinung, dass Bulgarisch und Russisch sich ganz nahe stehen, denn mein auf Bulgarisch erschienenes Buch „Die Große Aktion“ ist Russischsprechern leider nicht ohne Mühe verständlich, wie mir mehrfach versichert wurde. Bei aller lexikalischen Nähe unterscheiden sich doch die Sprachen grammatisch: Bulgarisch hat z. B. die bestimmten Artikel, die in russischer Sprache fehlen. Dadurch wird das Verstehen von Geschriebenem schwierig für die Russen, des Gesprochenen sogar sehr schwierig. Bei Tageszeitungen ist das Problem wesentlich geringer (S. 674).
Meine erste Besprechung des Slawenproblems in Zeitensprünge (4/1995, S. 461–482) basierte, wie jetzt Weissgerbers Beitrag, teilweise auf Goehrke (1992), der wiederum stark auf Rybakow (ab 1939) aufbaute. Dass letzterer „objektiv völlig im Einklang mit der Phantomzeit–Theorie steht“, wie Weissgerber (S. 662) behauptet, stößt allerdings bei einem Russischkenner wie Gabowitsch auf Widerspruch: genau so gut könnte man behaupten, dass die Geschichte der Buren in Südafrika der Theorie von Illig nicht widerspricht.
In meinem von Weissgerber zitierten Artikel hatte ich behauptet, dass in der Stalinzeit sogar archäologische Funde uminterpretiert wurden, um die normannistische These zu widerlegen. Dies sei laut Weissgerber erst ab 1934 der Fall gewesen, während der Sowjetgelehrte Pokrowski noch 1928 das Gegenteil vertreten hatte, und es nach Stalins Tod wieder zu objektiverer Betrachtung des Problems gekommen sei. Der Ehrenrettung der sowjetischen Forschung vor 1934 und nach 1956 sei damit genüge getan.
Aber nicht in allen Fällen hat der Autor seine Lektion gelernt. Zur Unterstützung von Herodot, Plinius und Ptolemaios sowie byzantinischer Schriftsteller führt Weissgerber die Peutinger–Tafel an: „Es blieb auch eine römische Wegekarte des 4. Jh. erhalten, die Tabula Peutingeriana ...“ (S. 669) – da ist nicht nur das 4. Jh. einfach um mehr als tausend Jahre zu früh, sondern der Wert dieser Karte höchst zweifelhaft. Weissgerber zitiert mich anschließend im Zusammenhang mit der Germania des Tacitus „(55–120)“, deren „älteste erhaltene Handschrift aus dem 10. Jh. stammt" – wo mag Weissgerber die bloß gefunden haben? Und sein stärkster Gegenbeweis ist so alt wie die ganze Diskussion zum Thema: „Die Angaben der Germania wurden durch archäologische Funde ... voll bestätigt; eine solche Hellsichtigkeit traue ich weder frühmittelalterlichen Mönchen noch Humanisten der Renaissancezeit zu.“ Welche Angaben wurden bestätigt, die ein Kenner der Geschichte im 15. Jh. nicht hätte wissen können, ja wissen müssen? Dass die Germanen die besten Stahlschwerter nördlich der Alpen schmiedeten, in Städten wohnten und (griechische) Schrift verwendeten?
S. 671 setzt Weissgerber den auch bei Heinsohn im vorigen Heft wiederholten (und von mir seit Jahren angeprangerten) Fehler fort: „Die archäologischen Forschungen haben deutlich gezeigt, dass bereits im 6. Jh. slawische Stämme in Deutschland ... eingedrungen waren.“ Man möchte mir einmal erklären, woraus man das geschlossen haben will! Trugen die Urnen oder Kochtöpfe Inschriften mit slawischen Namen? Oder benützten diese Eindringlinge Münzen slawischer Könige? Wenn es Weissgerber um die Entstehung der slawischen Sprache geht, und das war ja sein Anliegen, dann spinnt er hier im luftleeren Raum herum.
Weissgerber zitiert dann (S. 673f) mehrere Sätze von mir, (auch aus meinem in diesem Kreis verfemten Buch „Erfundene Geschichte“ von 1999), zweifelt aber die Richtigkeit meiner Überlegungen an, indem er seine Gedanken beweislos dagegen vorhält. Die Einführung einer Missionarssprache in geographisch sehr großen Gebieten „hat es in der Weltgeschichte noch nicht gegeben und wird es auch nie geben“, meint er. In diesem Tonfall kann die Diskussion nicht voranschreiten! Er hätte sich mal die Einführung des Arabischen von Persien bis Andalusien durch den Kopf gehen lassen sollen.
Weissgerbers Aufsatz ist wiederum nur die Hälfte des Ganzen, aber außer interessanten Details aus der russisch–sprachlichen Forschung sind wohl kaum neue Gedanken zu erwarten.


H.–U. Niemitz, „Geld – Ethik - mittelalterlicher Feudalismus“ (S. 691-723).
Christoph Marx hat diesen Aufsatz schon in Bausch und Bogen abgeurteilt, wobei er auch auf die seltsamen Auslese-Mechansimen der Redaktion hinweist: „infolge der antikatastrophischen Zeitensprünge-Zulassungsbestimmungen“ ... Damit hat er völlig Recht: Niemitz ist mit einigen seiner Folgerungen ganz hart an das Grundproblem gestoßen – Vernichtung einer Kulturblüte durch (vermutlich kosmisch ausgelöste) Katastrophenserien, hat aber diesen Punkt konstant beiseitegeschoben. Vergessen ist die Basis–Annahme, auf der sich die Zeitrekonstrukteure einst gefunden hatten: der Katastrophismus.
Mir bleibt es behalten, einige der Grundannahmen von Niemitz in Frage zu stellen:
Gleich zu Anfang (S. 692) vermisst man, dass außer Wertgegenständen („Eigentum“) auch Arbeitskraft einen Schuldenausgleich schaffen kann. Niemitz übergeht nämlich, dass das Wergeld (Blutgeld), das zum Blutracheausgleich gezahlt werden muss, zuallererst in Arbeitsleistung beglichen wurde, indem der Schuldige dem Geschädigten als Sklave („Adoptivsohn“) zugeteilt wurde. Auch sonst wird der Arbeitswert, der vielen Wirtschaftsformen zugrunde liegt, von Niemitz nicht beachtet.
In seiner „ersten Geschichte“ liegt ein Denkfehler: Wer nicht genügend Mittel zum Überleben hat, verschuldet sich bei dem der über genügend Sicherheitsvorräte verfügt. Das stimmt nicht, sondern er verschuldet sich bei dem, der übermäßig (also zuviel) Vorrat besitzt. Doch dieser Vorrat ist zunächst – Niemitz geht ja von einem theoretischen Urzustand aus – wertlos, denn alles, was der Reiche nicht essen oder aussäen kann, ist wegen seiner Verderblichkeit wertlos, wie Niemitz selbst zugibt. Darum gibt es gerade in Stammesgemeinschaften (diese Definition, auf die Niemitz wert legt, ist korrekt) keine Verschuldung. Überzähliges Gut kann nur gemeinsam verprasst werden (Verdienstfest, Versaufen der Leiche usw.), Ausleihe oder Schuldscheine gibt es innerhalb der Stämme nicht.
Hier wie auch bei Heinsohn fehlt das ethnographische Wissen, was ich seit Jahren ankreide.
Für die „zweite Geschichte“ muss ein ähnlicher Fehler aufgezeigt werden: Ein Gläubiger stellt einem Schuldner Banknoten aus, mit deren Hilfe er sich dann „woanders“ das benötigte Getreide kaufen kann. Jemand, der zuviel Getreide hat, kann es für einen Schuldschein oder Banknoten abgeben, aber wegen hoher Lagerkosten und Verderblichkeit der Naturalien, die Niemitz anführt (S. 693), kann niemand Banknoten ausgeben. Der immer wiederholte Satz von Niemitz: „Geld hat also mit Tauschen überhaupt nichts zu tun!“ wird durch diese „Geschichten“ nicht bewiesen.
Zur Einführung der Münzwährung sagt er ebenfalls unrichtig: „Erstens kannte man noch kein Papier. Zweitens benutzte man Edelmetalle, um Münzen so teuer zu machen, dass sich eine Fälschung nicht lohnte.“ (S. 695)
Statt Papier hätte man ja Pergament oder Papyrus oder Knochen oder Holz oder Tontafeln usw. benützen können. Und die Münzen waren anfangs gar nicht wertvoll. Die ältesten römischen Münzen waren Bronzebarren, die nicht nur leicht zu „fälschen“ waren, sondern auch relativ geringen Wert hatten; und die Gold–Silberlegierungen der frühen Anatolier waren ebenfalls kein Geheimnis ihrer Hersteller, sondern einfach ein dort häufig gefundenes Metall (John Dayton 1978).
Zu den weiteren recht wirren Schemata und Folgerungen – Marx nennt sie „noch verzotteltere(n) Diagramme(n) & Schemata, (die) geradezu chaotische Geschichtsklitterungsblüten“ treiben – braucht nichts gesagt zu werden, da sie z. T. auf diesen falschen Grundannahmen beruhen.
Zu den Brakteaten (S. 716 f) ist ein Nachsatz nötig: Niemitz glaubt, dass dieses Ersatzgeld – echte Währung nach seinen eigenen Prinzipien war es ja nicht – zum Einsturz kam, womit bewiesen ist, was behauptet wurde. Brakteaten waren aber nach der von Niemitz selbst vorgeschlagenen Chronologie über dreihundert (300) Jahre in Gebrauch, und zwar in gewissen Gebieten sogar als einziges Geldmittel. Wenn eine Wirtschaftsform so lange Bestand hatte, dann ist damit das Gegenteil bewiesen, nämlich dass sie funktionierte. Möglicherweise ist auch die Einführung des Euro der Brakteaten-Währung verwandt, nämlich eine direkte Art der Besteuerung.
Und Zitate aus dem Brockhaus 1937 als hoffnungsvolle Entwicklung hinzustellen (S. 710), scheint mir doch recht gewagt.


Zu Robert Zuberbühlers wohlgemeintem Aufsatz „Opfer und Schuld“ (S. 724–728) wäre nur anzumerken, dass die „Adoption des Totschlägers als Sohn“ eben keine „wirkliche Versöhnung“ war, sondern eine Versklavung, ganz abgesehen von der etymologisch unrichtigen Gleichsetzung Sohn – Sühne (S.727).
Zuberbühlers Leserbrief (S. 740) stellt Geschichtsfälscher wie den Beowulf–Dichter oder den Hrotsvith–Erfinder und den Dichter Tolkien als zwei Facetten desselben Problems hin. Das ist ein Missverständnis meiner Gegenüberstellung von Tolkien und offizieller Geschichtsschreibung (2001, S. 111): Ich wollte damit die Historiker nicht als harmlose Liebhaber einer romantischen Vergangenheit und geniale Dichter abstempeln, sondern gerade den Unterschied hervorheben. Wer Tolkien liest, weiß, dass er Dichtung vor sich hat; wer Hrotsvith zitiert, meint Historie zu zitieren. Der Gegensatz könnte nicht krasser sein!