Aus Arno Schmidt Vorläufiges zu Zettels Traum. Textaufzeichnung von Arno Schmidt's freier Rede beim Gespräche mit dem NDR (Gesprächspartner Dr. Christian Gneuß) über Entstehung, Aufbau und Absicht seines Typoskriptbuches Zettels Traum (1977 Frankfurt a/M).

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Ich muß der Kürze halber, was die Sprache und die Orthographie von Zettels Traum angeht, meine früheren Arbeiten, über Lagerung der Worte im Gehirn oder die Etym-Theorie praktisch voraussetzen und auf die diesbezüglichen Veröffentlichungen verweise. Ich will hier nur in aller Kürze (die vielleicht nicht gut verständlich sein wird) die Fundamente nachweisen.

Freuds Untersuchungen über Traumdeutung und Fehlleistungen haben ja nachgewiesen daß unser Denken und Treiben, worauf man an sich nicht gefaßt war, durch die Affinität der Worte zueinander bestimmt wird und zwar recht oft. Ich möchte mir mal diese Formulierung erlauben: das Reih der Worte erweist sich immer mehr als eine zweite Art Außenwelt; die scheinbar von uns geschaffenen Wörter als ähnlich gehorsam (beziehungsweise unbotmäßig) wie die realen Dinge.

Was wir die dudengeregelte Sprache heißen ist eigentlich nur die Sprache des Bewußtseins. Das Unbewußte kennt keine Worte, sondern, es kennt nur (wie ich sie für mich getauft habe): Etyms.

Jedes Etym faßt, und zwar auf akustischer Basis, eine ganze Anzahl Worte zusammen. Das hat mit der beliebten Wurzel der Philologen übrigens nichts zu tun, denn die Etyms vereinen auch gänzlich divergierende Worte. Es gibt also weniger Etyms, als Worte, das Unbewußte ist ja dumpfer, als das Bewußtsein.

Ich gebe ein Exempel: Irgendeiner mißbilligt etwas als obszön und sagt: "Da kommen ja nette Sachen zum Vorschwein." Schein und Schwein haben nun rein logisch und auch dudenmäßig nichts miteinander zu tun, liegen aber im Wortzentrum akustisch dicht beieinander. Oder wenn Frau Nora Joyce ihre Schwägerin warnte, nie einen Autor zu heiraten: "They are all weaklings", dann schrieb ihr Gatte das natürlich sogleich schmunzelnd, mit zwei ee [also "weeklings": die nur jede Woche einmal können CM]. Er wird genau die ubw-Wehklage herausgehört haben. Und es ist ja ein Verfahren was zum Beispiel von der Reklame her, längst bekannt ist und gegen uns eingesetzt wird. Bei BLENDAX strahlen die Zähne, bei RAMA lächelt höchstens ein Stocktauber nicht Fett.

Jedenfalls läßt sich dieser unleugbare Tatbestand, den Freud analytisch bei seinen Patienten erraten hatte, auch aufs Un-Artigste künstlerisch auswerten. Das ist aber nun eine Frage der Akustik, ergo: der Orthographie. Damit ist... die hübsche Zweistimmigkeit von "Vorschwein" erreicht wird, muß eben Duden weichen.

Finnegans Wake zum Beispiel ist ein Buch nicht in Worten geschrieben, sondern in Etyms. Das ist das ganze Geheimnis. Und sein weekling (mit zwei ee) eine rechte Etym-Bombe.

Die ganze Methode läuft insofern gar nicht auf Witze hinaus, als so, am besten, die Meinung sämtlicher Instanzen der Persönlichkeit wiedergegeben werden kann in eine Buchstabenfolge zusammengefaßt. Das Verfahren ist also organisch, berechtigt und gut. Ich möchte sagen es werde keine zwei= oder dreitausend Jahre mehr dauern daß einstimmig geschriebene Bücher schal & einfältig wirken.

Darf ich noch beteuern daß ich die Methode übrigens nicht überanstrengt habe (was Joyce leider zu oft tat), sondern nuja also sacht beginne, auch Erklärungen sogar gebe. Gegen Ende freilich dann wird der Glockenklang immer voller und der Toback stärker.

Das Ganze ist aber so kompliziert gebaut, die fließenden Übergänge von links nach der Mitte nach rechts: und wir haben noch keine Setzer-Generation herangezogen die Etyms gewohnt wären. Und dann das Gewischel von Marginalien und asides, die genau auf der richtigen Höhe stehen müssen.

Ich sehe auch nicht ein warum ein Bühnenautor als Einziger den Vorzug haben soll, mehrere Personen durcheinander schwätzeln und denkeln zu lassen. Einem Musiker läßt man ja auch ohne weiteres seine Sextette... Ähnlich wird eine Seite von Zettels Traum nun zu Anfang eine beträchtliche Gewöhnung, vielleicht sogar ein lüttes Studium erfordern. Binnen kurzem aber hat man sich gewißlich eingelesen.

Immerhin wird sich das Buch vermutlich nicht mehr setzen lassen, sondern das MaschinenManuskript wird fotomechanisch verfielfältigt werden müssen. Eine Not aus der ich ne Tugend insofern gemacht habe als ich auch mir Zeichnungen am Rande erlaubt habe, oder Bildvorlagen die mich anregten.

Ein ernstes Wort jetzt nochmal hierzu. Ich darf betonen daß ich nicht ohne eine gewisse Anstrengung selbst meines Mutes damit eine gar nicht unheblich... unerhebliche Erschwerung des Verkaufs auf mich genommen habe. Immerhin mußte ich ganz einfach einmal die Bahn gebrochen, und dargetan werden, daß Bücher der eben skizzierten Art eigentlich nur noch als Manuskripte vorgelegt werden können. Und im Grunde ist es ja für Kenner auch gar kein Reiz weniger nun praktisch das OriginalManuskript zu bekommen.

Genug theoretisiert. Zum Inhalt allgemein.

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